Interview Jörg Naumann

IBM Deutschland

„Heute kann prinzipiell jeder kognitive Systeme nutzen“

Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Auf dem Großhandelstag, den der AGAD und die IHK Ruhr am 27. September in Essen veranstalten, wird Joerg Naumann unter anderem über Einsatzmöglichkeiten im Handel sprechen. Er ist Business Development Executive für den Handel bei der IBM Deutschland GmbH und unterstützt Kunden bei der Transformation und Digitalisierung von Prozessen.

Was versteht man unter künstliche Intelligenz und Cognitive Computing?

Den Begriff der künstlichen Intelligenz gibt es schon seit den 1950er Jahren. Leider wurde er sehr unklar definiert und im Laufe der Jahrzehnte immer wieder mit unterschiedlichem Schwerpunkt verwendet. Gemeinsamer Nenner war, dass ein System der Künstlichen Intelligenz in der Lage sein sollte, eine Aufgabe mindestens so gut lösen zu können wie ein Mensch. In der Öffentlichkeit wird mit künstlicher Intelligenz häufig das durch Kinofilme geprägte Bild einer großen schwarzen Box mit eigenem Bewusstsein und eigenem Willen verbunden. Der heutige Entwicklungsstand entspricht nicht diesem Bild. Wir verwenden vielmehr den Begriff des Cognitive Computing. Cognitive Computing umschreibt den Versuch, herkömmlichen Computern Fähigkeiten zu ermöglichen, die über das eigentliche Rechnen hinausgehen.

Diese Fähigkeiten lassen sich vier Gruppen zuordnen:

Kognitive Systeme verstehen Daten.
Sowohl strukturierte Daten als auch unstrukturierte Daten, wie Text, Bilder, Videos oder maschinengenerierte Daten können von kognitiven Systemen in großer Menge und kurzer Zeit ausgewertet und auch bis zu einem gewissen Grade verstanden werden. Zum Beispiel kann ein auf IBM Watson basiertes System innerhalb von einer Sekunde den Inhalt von etwa einer Million Büchern aufnehmen und für z.B. für eine Frage & Antwort-Anwendung bereithalten. Damit schaffen Kognitive Systeme eine Möglichkeit, aus Big Data Nutzen zu ziehen.

Kognitive Systeme können denken.
Bestimmte Prozesse, die zu dem gehören, was wir als Denken bezeichnen, können in kognitiven Systemen abgebildet werden. Beispiele sind die Bildung von Hypothesen, Abwägungsprozesse und Assoziationsprozesse.

Kognitive Systeme können lernen.
Kognitive Systeme enthalten Komponenten, die es ermöglichen, aus jeder Interaktion mit dem System Lehren zu ziehen und Feedback zu verarbeiten. Wenn zum Beispiel ein Nutzer oder auch ein Trainer eines kognitiven Chatbots mitteilt, dass dieser eine Frage nicht gut beantwortet hat, lernt das System dazu. Die Frage kann beim nächsten Mal besser beantwortet werden.

Kognitive Systeme können mit Menschen interagieren.
Kognitive Systeme können geschriebene und gesprochene Sprache verstehen und selber Texte verfassen oder sprechen. Damit entstehen ganz neue Möglichkeiten, Computer in der Arbeitswelt und auch in der Freizeit einzusetzen.

Kognitive Systeme kommen in der Regel nicht „von der Stange“ sondern werden für den Anwendungsfall spezifisch aus einzelnen „Services“ zusammengesetzt, welche die eben genannten Funktionen erfüllen.

Zusammenfassend möchte ich gern meinen Kollegen Rob High zitieren. Rob ist Chief Technology Officer für IBM Watson und unsere Cloud Platform. Sinngemäß hat Rob folgendes gesagt: In den vergangenen 50 Jahren haben wir versucht, Menschen den Umgang mit Computern beizubringen. Bei Cognitive Computing geht es im Gegensatz dazu darum, Computern den Umgang mit Menschen beizubringen.

Wo werden KI-Entwicklungen von IBM heute schon eingesetzt?

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Beispiele.
Besonders gut gefällt mir der Einsatz in der Medizin. Bereits seit einigen Jahren gibt es eine auf IBM Watson basierende Onkologie-Lösung. Fachliteratur, Ergebnisse der Krebsforschung und Krankenakten stellen eine immens große und stark wachsende Wissensbasis dar. Der einzelne Onkologe steht vor einer nicht zu bewältigenden Herausforderung, möchte er Diagnose und Behandlung eines Patienten auf Basis des aktuell verfügbaren Wissenstandes der Onkologie fußen lassen. Watson for Oncology hat diesen Wissenstand verarbeitet und wird immer weiter mit neuen Erkenntnissen gefüttert. Der Onkologe kann nun die Informationen zu seinem Patienten mit diesem Wissenstand abgleichen. Watson stellt automatisch passende Querverweise her und macht Vorschläge für Diagnose und Behandlung. Dabei gibt er für jeden Vorschlag einen sogenannten Confidence-Score aus. Damit macht das System deutlich, wie sicher es sich mit dem Vorschlag ist. Der Arzt kommt auf Basis dieser Vorschläge und der mit ihnen verbundenen Dokumentation zu seinem eigenen Ergebnis. Ein anderes, weniger komplexes Beispiel kommt aus dem Großhandel. Ein amerikanischer Büromaterialgroßhändler übergibt den Mitarbeitern seiner Kunden einen sogenannten Easy Button. Drückt jemand den Knopf erfolgt eine Konversation mit IBM Watson. Sagt der Kunde beispielsweise: „Ich brauche Toner für meinen Drucker.“ prüft das kognitive System welcher Drucker und welcher Toner diesem Kunden zugeordnet ist, fügt den Toner der nächsten Lieferung hinzu und bestätigt dies verbal. Der Kunde kann auch Details zu seiner Lieferung erfragen. Im Gegenzug kann das System auch Rückfragen stellen, zum Beispiel wenn der Kunde sowohl einen Farbdrucker, als auch einen Schwarzweißdrucker hat und unklar ist, für welchen der beiden Drucker der Bedarf besteht.

Wie wird sich der Einsatz in den nächsten Jahren weiter entwickeln?

Technisch möglich ist heute schon eine ganze Menge. In den nächsten Jahren erwarte ich eine Phase der weiteren Verbreitung von kognitiven Systemen. Waren es zu Beginn große Organisationen mit großem Budget oder Organisationen mit dem unbedingten Willen Innovationskraft zu demonstrieren, die die ersten Schritte in der Gestaltung von kognitiven Systemen gegangen sind, kann nun prinzipiell jeder diese Möglichkeit nutzen. Kognitive Funktionen können aus der Cloud bezogen und in bestehende Systeme und Prozesse, beispielsweise in einen Onlineshop integriert werden. Der finanzielle Aufwand dafür ist überschaubar. Der eigentliche Aufwand liegt nicht in der Technik sondern in Konzeption und Training. Grundfragen sind: Wie gestalte ich einen Prozess, der meinen Kunden bzw. dem Nutzer den größtmöglichen Nutzen bring? Und wie bringe ich dem System die für die Lösung der Aufgabe spezifische Wissensbasis z.B. Verwendungsinformationen zu meinem Sortiment bei? Ich erwarte eine starke Verbreitung von kognitiven Systemen in den Feldern, wo ein echter Nutzen leicht erfahrbar ist. Also überall dort wo eine echte Arbeitserleichterung spürbar, oder eine bisher nicht mögliche Transparenz geschaffen wird, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden können.

Welche Branchen und Bereiche sind dafür besonders prädestiniert?

Im Prinzip alle Branchen in denen große Datenmengen und Fallzahlen zu finden sind. Damit sind wir beim Finanzwesen, Behörden, dem Gesundheitswesen und auch dem Handel. Aber auch in der Industrie gibt gerade im Zusammenhang mit dem Internet der Dinge eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten. So werden wir in Zukunft die Möglichkeit haben, anders als bisher mit unserem Auto zu kommunizieren. Die Spracheingabe für das Navigationssystem ist nur der Anfang. Assistenzsysteme sind ein gutes Stichwort. Die große Frage ist, welche und wie viele Assistenzsysteme ich als Verbraucher in Zukunft nutzen werde und wie diese in meinem Auftrag mit meinem Umfeld interagieren. Wenn ich mein persönliches Assistenzsystem auffordere, einen Klempner für die Reparatur des Wasserhahns zu beauftragen – welchen Klempner wählt es aus bzw. bietet es mir zur Auswahl an?

Welche Anwendungsgebiete sehen Sie im Großhandel?

Ich sehe zwei große Themenfelder. Alle kundenzentrischen Prozesse, also die eigentliche Transaktion mit einer Auswahlberatung, einer Beratung zur Anwendung des Produktes und auch der Kundendienst rund um Lieferung und Bezahlung eignen sich für die Unterstützung oder Teilautomatisierung durch kognitive Systeme. Auf der anderen Seite lässt sich der Einkauf und die Sortimentsgestaltung durch die analytischen Möglichkeiten von kognitiven Systemen verbessern. Beispielsweise durch das Auffinden von Produkttrends oder empirisch fundierte Bedarfsprognosen. An dieser Stelle möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass es in diesen Bereichen nur wenige Lösungen „von der Stange“ gibt und diese auch häufig keinen Sinn machen. Das heißt, wer sich nun mit eigenen Ideen mit kognitiven Systemen beschäftigt, kann einen Wettbewerbsvorteil erlangen. Wie schnell solche Ideen nachgeahmt werden können, hängt sicher vom Einzelfall ab. Grundsätzlich sehe ich es wie bei der Digitalisierung ganz allgemein: Jedes Unternehmen sollte die Schritte angehen und ausprobieren, die versprechen, die Gründe warum Kunden heute Kunden sind, zu untermauern und weiterzuentwickeln. Stellen wir uns vor, ich bin ein Großhändler mit besonders viel Beratungskompetenz und meine Kunden kaufen im Wesentlichen deshalb bei mir. Dann sollte ich mir Gedanken machen, ob ich dieses Produktwissen nicht mithilfe von kognitiven Dialogsystemen in meinem Onlineshop, meiner Webseite oder einer Mobilen App, oder vielleicht auch in einer Art Kiosksystem in der Werkhalle meines Kunden zur Verfügung stelle.

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